Schwarzwald-Engineering überzeugt im Erzgebirge

Am Sonntag, 31.05.15 gegen die Mittagszeit schloss sich die Heckklappe des dunklen VW-Caddys und Pilot Jürgen steuerte uns ins 500 Kilometer entfernte Erzgebirge. Mit an Bord waren unseren beiden Sparrow 3-Modelle aus Jörg Scheiderbauers Bikeschmiede racextract. Zwischen Sachsen und dem tschechischen Nachbarland schlängelt sich der Stoneman Miriquidi über 160 Kilometer, neun Gipfel und 4400 Höhenmeter und wir entschieden uns die Strecke in der Silber-Variante zu bewältigen, d.h. in zwei Tagesetappen.

Bisher waren wir beide (Jürgen auf Ghost AMR; ich auf Specialized Epic) überzeugte Fully-Fahrer und platzten vor Neugier, wie sich die Renner aus Offenburg im rauen Dunkelwald schlagen würden. Ist der Komfort auch auf längeren Touren ausreichend? Kommen wir mit der Zweifach-Kurbel an den steilen Anstiegen zurecht? Als unseren Start- und Zielort wählten wir Breitenbrunn und quartierten uns im Hotel „Alte Schleiferei“ ein, was sich als lohnenswert herausstellte, nicht zuletzt wegen der eigenen Hausbrauerei.

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Am nächsten Morgen ging es gemütlich nach dem Frühstück dem ersten Gipfel und Stempelstation auf dem Auersberg entgegen. Umdrehung für Umdrehung traten wir uns ein und fanden einen gemeinsamen Rhythmus auf den menschenleeren Forstwegen. Oben ankommen war abstempeln und Fotos machen angesagt, ein „Ritual“, dass sich noch achtmal wiederholen sollte. In rasanter Abfahrt ließen wir dann die Räder laufen, passierten die alte, nahezu ausgestorbene Bergbaumetropole Johanngeorgenstadt und erreichten die deutsch-tschechische Grenze. In Potucky ließen wir den asiatischen Ramschmarkt links liegen und traten bei durchwachsenem Wetter weiter auf den Blatenský vrch. Das Schlussstück war steil, feucht und steinig, aber die 29er-Pneus bissen sich unerbittlich auf dem Untergrund fest. Mitten im Nirgendwo auf dem Gipfel stand eine tatsächlich geöffnete Grillbude, an deren Seite sich die zweite Stempelstelle befand.

 

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Nur knapp zehn Kilometer und etwa 200 Höhenmeter weiter wartete der dritte Stempel des Tages auf dem Plesivec. Dort entsteht ein neues Skigebiet und es wurde mächtig aufgeschottert, so dass wir uns eher in einer Steinwüste wähnten. Oben angelangt, wurde beschlossen, eine Mittagsrast einzulegen. Wir bestellten Getränke und etwas zu Essen, aber wiederholt kam der Ober und übermittelte „ Ist aus!“. So blieb es dann bei Apfelstrudel, spritfreiem Bier und einem riesigen Pott Kaffee, aber immerhin war die Rechnung super günstig. Nach einer kurzen und steilen Abfahrt folgte nun ein schöner Downhill über flowige Trails, in denen die Frage nach ausreichendem Komfort des Rades zerstob und unsere Begeisterung anwuchs. Einem Asphaltanstieg folgte der schönste Teil des Tages. Nach einer Kuppe oberhalb von Mariánská zeigte die 29er-Größe ihre Vorteile und nahm Fahrt auf. Was die Laufräder nicht überrollten, schluckte die 100mm-Forke an der Front.

Mit irrem Tempo fegten wir über Wiesentrails, um dann auf schmalen Pfaden im Wald bis nach Jáchymov hinunter zu zirkeln, bevor uns der längste Anstieg des Tages erwartete. Breiter Forstweg, steiler Singletrail und Wiesenpfad, so ging es 650 Höhenmeter am Stück auf das Dach der Tour, dem Klinovec.

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Lange hielten wir uns dort nicht auf, denn hier oben tobte ein mächtig unangenehmer Wind, der eindrucksvoll das geringe Gewicht von Jürgens Sparrow demonstrierte. Das an der Hauswand angelehnte MTB wehte er spielend leicht einfach um. Also ging es flugs weiter auf den letzten Gipfel der Tagesetappe. Zufrieden lochten wir unsere Stempelkarten nach 80 Kilometern und 2200 Höhenmetern, doch blieb nicht lange Zeit für einen ausgiebigen Rundblick auf dem Fichtelberg. Wir schwangen uns in den Sattel und stürzten uns auf der Flucht vor einer gewaltigen Regenfront in die finale Abfahrt.

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Wendig und punktgenau steuerten wir in der alten verfallenen Eisbobbahn dem Hotel entgegen und entkamen knapp einem heftigen Schauer. Wir nächtigten in Oberwiesental in Jens Weißflogs Hotel und waren mit unserer Wahl ein weiteres Mal sehr zufrieden. Am nächsten Morgen reichte es sogar noch zu einem kleinen Plausch inklusive Erinnerungsfoto mit dem einstigen Helden unter den weltbesten Skispringern.

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Ausgeruht und gut gestärkt schickten wir unsere Carbonfeilen in die zweite Hälfte des Miriquidi und nach etwa 15 Kilometern und 300 Höhenmetern wurde die Rampe des Bärensteins bezwungen. Wie schon am Vortag trafen wir auf wenige Wanderer, aber alle waren über unseren Anblick erfreut und feuerten uns auch an. Nett, die Erzgebirgler! Plötzlich nahmen wir vor uns eine Gruppe Mountainbiker wahr. Es dauerte nicht lange und just an einem sausteilen Kopfsteinpflasterstück fingen wir die Truppe ein. Die Fahrer zogen sich in der Steigung auseinander und fast jeden konnten wir überholen. Die drei Schnellsten erreichten wir am Ende des Stichs. Während sie auf ihre Kameraden warteten, kamen wir kurz ins Gespräch, bis die 26-Zoll-Fraktion wieder komplett war und wir davon zogen. Kurz darauf stellte sich uns ein weiterer Scharfrichter entgegen. Es ging in einer 20%-Steigung eine ehemalige Naturbobbahn hinauf, dann war der Pöhlberg erklommen und weiter ging es zum Scheibenberg. Dort war etwas mehr als die Hälfte der Etappe geschafft, somit entschieden wir uns für eine Mittagsrast im sonnigen Biergarten des Bergrestaurants. Nach dem Essen bestiegen wir per pedes den Aussichtsturm und wurden mit einem Panoramablick auf alle Gipfel des Miriquidi belohnt. Im Vergleich zur ersten Etappe zeigte sich die Natur hier weniger urwüchsig und mittelgebirgig, dafür weiläufiger und mit schöneren Aussichten. Bei Sonnenschein ging es auf dem vorletzten Teilstück über knapp 40 Kilometer und 1000 Höhenmeter zum letzten Gipfel unserer Tour.

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Fast unendlich kam uns der Weg auf den Rabenberg vor, ehe wir auf dem Kamm ein deutsch-tschechisches Grenzhäuschen erblickten. Ja, endlich oben! Aber von wegen, denn bis zur letzten Stempelstelle ging es noch einige Male hoch und runter. Feine Trails mit kleinen Anliegern führten bergab, Forstwege wieder nach oben. Sie waren die Vorboten des Trailcenters Rabenberg, immerhin Deutschlands erster Singletrailpark. Zufrieden drückten wir den letzten Stempel in die Karten und waren froh, dass es bis zum Ziel nur noch bergab ging, nicht ahnend, dass den Fahrern und Rädern noch einmal alles abverlangt wird.

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Hinunter meisterten unsere racextracts schnelle Anlieger, kleine Sprünge, Wurzelteppiche und Spitzkehren. Der „Kyrill-Trail“ und ein Wurzel-Downhill spuckten uns in der Talsohle zwischen den Schrebergärten von Erlabrunn aus. Es war nur noch ein Katzensprung bis ins Hotel nach Breitenbrunn und wenige Umdrehungen später stießen wir mit Gerstensaft auf die Silbertrophäe an, die wir in den Händen hielten. Haben wir unsere Fullys vermisst? Nein, auf keinen Fall!

Mit tollen Eindrücken von Land, Leuten und den Bikes ging es breit grinsend am nächsten Tag nachhause. Vor uns lagen nun in den nächsten Wochen die Cross-Country-Tour der Mountainbike-Freunde Heidelsheim und natürlich die WOMC 24h Challenge im Juli 2015.
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